Foto:Shotshop

Im Interview mit Nina-Jasmin Mangelsdorf vom BVN

Im 2. Teil des Blogbeitrages meine Kollegin Nicole Dornberger  geht es im Interview mit der Mit-Organisatorin und Seminarteilnehmerin Nina-Jasmin Mangelsdorf, um die ganz persönlichen Herausforderungen von blinden-und sehbehinderten Menschen im Umgang mit dem Thema Kleidung. Lesen Sie im Gastbeitrag ein ganz persönliches Statement.

Warum das Thema Farb- und Stilberatung auch – oder gerade – für blinde und sehbehinderte Menschen relevant ist und wie sie davon profitieren, verrät mir in einem Interview Nina-Jasmin Mangelsdorf, Mitglied der Fachgruppe „Bildung und Beruf“ Niedersachsen/Bremen des Blinden und Sehbehindertenverbandes Niedersachsen e.V.

Nina-Jasmin Mangelsdorf war Mit-Initiatorin der Fachtagung des BVN bei der ich als Imageberaterin einen Farb- und Stilworkshop (Link zu vorherigem Blogartikel) für sehbehinderte Berufstätige durchgeführt habe. Als Sehbeeinträchtigte kennt sie die Probleme im Umgang mit Kleidung aus eigener Erfahrung.

Nina Yasmin Mangelsdorf

Nicole Dornberger (ND): Frau Mangelsdorf, warum ist das Thema Farb- und Stilberatung gerade auch für blinde und sehbehinderte Menschen interessant?

Nina-Jasmin Mangelsdorf (NM): Blinde und sehbehinderte Menschen müssen sich grundsätzlich auf das Urteil anderer Menschen verlassen. Es ist völlig egal, ob sie diese Menschen schon lange kennen, ihnen vertrauen oder sich auf das Urteil einer Verkäuferin einlassen.

Gerade blinde Menschen haben eine optische Wahrnehmung von sich selbst. Sie lernen ihre Bekleidung wie Vokabeln. Oftmals ist der Kleiderschrank eines blinden oder hochgradig sehbehinderten Menschen sehr strukturiert eingerichtet – nach verschiedensten Schemata. Einige legen ihre Kleidung nach Farben sortiert in den Schrank. So, wie sie auch in die Waschmaschine dürfen. Andere kombinieren Hose und Oberteil und hängen diese Kombination in den Schrank. Wieder andere benutzen Farberkennungsgeräte und haben einen völlig normal sortierten Kleiderschrank. Diese Farberkennungsgeräte sind aber oftmals nicht sehr zuverlässig und können bei schlechten Lichtverhältnissen viele Farben nicht unterscheiden.

luanateutzi/Shotshop.com

ND: Vor welchen Herausforderungen stehen sehbehinderte Menschen in Bezug auf Kleidung insbesondere im Berufsleben?

NM: Durch die fehlende optische Wahrnehmung können blinde und hochgradig sehbehinderte Menschen auch nicht auf ihr Umfeld achten und sich z. B. bei Kollegen Anregungen holen. Ihnen fällt nicht auf, dass der Kollegin der Hosenanzug gut steht, weil er originell geschnitten ist. Sie wissen nicht, welche Schuhe der Kollege zu seinem Anzug kombiniert, ob die Damen eher Pumps oder Lederschuhe tragen.

Was ist im Sommer erlaubt? Wie kurz sind die Shirts und Röcke der Kollegen wirklich? Und ganz wichtig: Was steht mir? Wie weit kann ich persönlich gehen? Ist eine Jeans in einer offiziellen Sitzung okay? Diese Frage wird eine Verkäuferin selten neutral beantworten. Sie ist bestrebt zu verkaufen. Sie kennt sich in ihrem Job aus, aber nicht zwangsläufig in der Modewelt einzelner Großunternehmen. Hier ist eine neutrale, aber individuelle Farb- und Stilberatung genau das Richtige!

ND: Nach welchen Kriterien wählen blinde und sehbeeinträchtigte Menschen Kleidung aus?

Goodluz/Shotshop.com

NM: Oftmals ist die Auswahl der Kleidung vor allem zweckmäßig. Egal ob ich im Büro, von zu Hause aus oder in einer Praxis/einem Krankenhaus arbeite. Habe ich einen Begleithund, bin ich in Jeans und Turnschuhen am besten unterwegs. Fahre ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln, trage ich idealerweise dunkle Hosen, auf denen man Schmutz möglichst nicht sieht. Im Winter ziehe ich immer helle Jacken an, damit man mich bei Dunkelheit gut sieht, wenn ich die anderen schon nicht sehen kann.

ND: Wie sind die Erfahrungen beim Einkaufen? Wie kaufen Sehbehinderte ein?

NM: Die meisten blinden und sehbehinderten Menschen kaufen nicht ohne Assistenz ein. Im Geschäft die richtige Abteilung, Kleidung und Größe zu finden ist nahezu unmöglich. Nicht selten wird man auch von einer Verkäuferin falsch beraten und mit Kleidung nach Hause geschickt, die vielleicht zu groß ist oder deren Muster oder Farbe überhaupt nicht angemessen sind.

ND: Dafür bieten wir als Stilberaterinnen Einkaufsbegleitung an. Als Personal Shopper stehen wir als unabhängige und objektive Beraterin zur Seite, die weiß, worauf es ankommt, und gezielt das richtige Outfit zusammenstellt.

Wie können blinde und sehbehinderte Menschen noch von einer Farb- und Stilberatung profitieren?

 

NM: Die Farb- und Stilberatung erfolgt sehr individuell auf die eigene körperliche Farbe und Beschaffenheit ausgelegt. Man lernt etwas über Stoffe und Schnitte und wie man Bekleidung gezielt einsetzt. Der Farbpass erleichtert beim nächsten Einkauf die Suche nach der besten Farbe. Ich selbst bestimme, was ich möchte, und bin unabhängig von dem Urteil anderer.

ND: Was war für Sie persönlich die prägendste Erfahrung in unserem Farb- und Stilworkshop?

NM: Eine schöne Erfahrung war die Planungsphase, in der zuerst der Mut und die Idee fehlte, blinden und sehbehinderten Menschen das Thema näherzubringen. Nach einiger Überlegung kam dann aber die Überzeugung, worüber ich mich sehr gefreut habe. Nicht viele Menschen nehmen sich die Zeit, sich auf neue Dinge und auf andere Menschen einzulassen. Ich bin davon überzeugt, wenn sich viel mehr Menschen nur wenige Minuten Zeit nähmen, sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen, dann hätten wir gewiss weniger Probleme in dieser Welt. Dafür bin ich sehr dankbar. 

ND: Und wie war das Feedback?

NM: Wir haben durchweg positives Feedback erhalten. Am Tag nach der Beratung durften wir im Rahmen einer Mitgliederversammlung den Geschäftsführer der BVN begrüßen, dem ich von dem Farb- und Stilseminar berichtete. Er war sehr angetan und beglückwünschte uns zu diesem Erfolg. Auch hier haben sich die Seminar-Teilnehmer eingebracht und Positives erzählt.Ein Teilnehmer war sehr begeistert, dass ihm gesagt wurde, er hätte eine gute Kleiderwahl getroffen. Das hätte er gar nicht gedacht. Bei den meisten von uns kann man wohl sagen, dass es einen sehr lauten Aha-Effekt gab!

ND: Herzlichen Dank, Frau Mangelsdorf, für das Interview.

Einen Aha-Effekt gab es übrigens nicht nur für die Teilnehmenden des Workshops, sondern auch für uns Referentinnen. Es war auch für uns eine echte Bereicherung, wir haben viel Spaß gehabt und uns in der Gruppe sehr wohl gefühlt. Danke dafür!

NM: Die Farb- und Stilberatung erfolgt sehr individuell auf die eigene körperliche Farbe und Beschaffenheit ausgelegt. Man lernt etwas über Stoffe und Schnitte und wie man Bekleidung gezielt einsetzt. Der Farbpass erleichtert beim nächsten Einkauf die Suche nach der besten Farbe. Ich selbst bestimme, was ich möchte, und bin unabhängig von dem Urteil anderer.

ND: Was war für Sie persönlich die prägendste Erfahrung in unserem Farb- und Stilworkshop?

NM: Eine schöne Erfahrung war die Planungsphase, in der zuerst der Mut und die Idee fehlte, blinden und sehbehinderten Menschen das Thema näherzubringen. Nach einiger Überlegung kam dann aber die Überzeugung, worüber ich mich sehr gefreut habe. Nicht viele Menschen nehmen sich die Zeit, sich auf neue Dinge und auf andere Menschen einzulassen. Ich bin davon überzeugt, wenn sich viel mehr Menschen nur wenige Minuten Zeit nähmen, sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen, dann hätten wir gewiss weniger Probleme in dieser Welt. Dafür bin ich sehr dankbar. 

ND: Und wie war das Feedback?

NM: Wir haben durchweg positives Feedback erhalten. Am Tag nach der Beratung durften wir im Rahmen einer Mitgliederversammlung den Geschäftsführer der BVN begrüßen, dem ich von dem Farb- und Stilseminar berichtete. Er war sehr angetan und beglückwünschte uns zu diesem Erfolg. Auch hier haben sich die Seminar-Teilnehmer eingebracht und Positives erzählt.Ein Teilnehmer war sehr begeistert, dass ihm gesagt wurde, er hätte eine gute Kleiderwahl getroffen. Das hätte er gar nicht gedacht. Bei den meisten von uns kann man wohl sagen, dass es einen sehr lauten Aha-Effekt gab!

ND: Herzlichen Dank, Frau Mangelsdorf, für das Interview.

Einen Aha-Effekt gab es übrigens nicht nur für die Teilnehmenden des Workshops, sondern auch für uns Referentinnen. Es war auch für uns eine echte Bereicherung, wir haben viel Spaß gehabt und uns in der Gruppe sehr wohl gefühlt. Danke dafür!

5 Argumente für eine Farb- und Stilberatung für blinde und sehbehinderte Menschen:

  • Hilfestellung/Unterstützung bei Kombinationsmöglichkeiten von Farbe und Stil der eigenen Kleidung
  • Gewinnung von persönlicher Unabhängigkeit
  • Farbpass und Stilmappe als Einkaufs-Leitfaden
  • Auf Wunsch Sortierung des Kleiderschranks
  • und persönliche, unabhängige Einkaufsbegleitung

Vielen Dank liebe Nicole für Deinen Beitrag!

Titelbild: Shotshop
Farb-und Stilberatung, Seminare, Workshop, die stilmacher, women2style,

Farb- und Stilberatung für sehbehinderte und blinde Menschen? Aber ja!

Heute gibt es einen Gastbeitrag. Ich habe zusammen mit meiner Kollegin Nicole Dornberger im März ein Seminar für blinde und sehbehinderte Menschen gegeben. Eine wirklich spannende Erfahrung. Nicole hat einen wunderbaren Blogpost dazu veröffentlicht:

Ich liebe meinen Beruf! Als Imageberaterin habe ich einen spannenden Job. Ich stehe immer wieder vor neuen Herausforderungen und erhalte tolle Chancen, interessante Menschen kennenzulernen. So auch als Referentin eines Farb- und Stilworkshops für blinde und sehbehinderte Berufstätige.

Ich gebe zu: Als die Anfrage des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Niedersachsen e.V. (BVN) kam, war ich überrascht. Die Fachgruppe „Bildung und Beruf“ des BVN wollte auf ihrer Fachtagung einen Farb- und Stilworkshop für blinde und sehbehinderte Berufstätige durchführen und suchte dafür eine Imageberaterin.

Im ersten Moment war ich irritiert, weil ich mir die Umsetzung eines derartigen Workshops nicht so recht vorstellen konnte. Beamer-Vortrag – Fehlanzeige. Exemplarische Beratung an einem Modell vor der Gruppe – ebenfalls schlecht möglich. Wie nehmen sehbehinderte Menschen Farben überhaupt war, wie gehen sie mit der Thematik Bekleidung – insbesondere auch im Berufsleben – um?

Für blinde und sehbehinderte Menschen ist es schwierig, Kleidung nach Farbe und Stil zu kombinieren.

Wer keine Farben kennt, weil er noch nie Farben gesehen hat, kann nicht oder nur schwer beurteilen, welche miteinander kombinierbar sind. Welcher Kleidungsstil passt zu mir und wie kombiniere ich verschiedene Stilarten? Welche Kleidung ist für meine Arbeitsbranche die richtige? Fragen, die sich sehbehinderte Menschen genauso stellen wie sehende Menschen auch. Nur das die Umsetzung für sie noch schwieriger alleine zu bewältigen ist, weil der Blick in den Spiegel nicht hilft. Eine Farb- und Stilberatung gibt Antworten und bietet praktische Unterstützung.

Nach einigen Überlegungen, wie es gehen könnte, habe ich die Herausforderung angenommen und als Referentin beim BVN zugesagt. Und bin im Nachhinein sehr froh darüber! Ich habe beeindruckende Menschen kennengelernt, die sich offen und mit Neugier auf das Thema eingelassen haben. Und die mutig und manchmal sogar humorvoll mit ihrem persönlichen Schicksal umgehen. „Wir fallen sowieso schon auf, da wollen wir es nicht noch dadurch tun, dass wir schlecht gekleidet sind!“ war beispielsweise der Kommentar einer Workshop-Teilnehmerin.

Best Practice: Farb- und Stilworkshop beim Blinden- und Sehbehindertenverband

Jeder der rund 20 Teilnehmenden der Fachtagung hat eine persönliche Kurzberatung zu typgerechten Farben und Schnitten bekommen. Bei einer so großen Gruppe und einem Seminartag konnten wir dies nur mit zwei Beraterinnen umsetzen. Und so habe ich mir die Unterstützung meiner Netzwerkkollegin Susanne Niermann (Link die Stilmacher) geholt und wir haben die Teilnehmer zeitweilig parallel einzeln beraten. Nach einer kurzen Einführung zum Thema Business-Bekleidung ging es im ersten Teil um die passenden Farben, im zweiten Teil um Proportionen und Schnittformen.

Es war für uns Beraterinnen eine völlig neue Erfahrung. Üblicherweise macht ein Blick in den Spiegel und auf Mit-Teilnehmer die Wirkung von Farben und Proportionen sichtbar. Dieses Mal haben wir ganz viel in Bildern beschrieben, die Teilnehmenden fühlen und spüren lassen. Alles immer unter den wachsamen Blicken der natürlich auch anwesenden Blindenhunde…

Am Ende hatte jeder Teilnehmer einen Farbpass mit seinen persönlichen Farben und eine Stilmappe mit individuellen Stilempfehlungen (im Nachgang in Braille-Schrift übersetzt) im Gepäck. Beide können beim nächsten Einkauf gezielt als Vorgabe für Begleit- oder Verkaufspersonal genutzt werden.

Ein Gewinn für alle Beteiligten

Sich auf etwas Neues einzulassen und Berührungsängste zu überwinden, war für alle Beteiligten ein echter Gewinn.

  •  Für uns Beraterinnen, die für den Mut, ungewöhnliche Beratungsprojekte anzugehen, mit inspirierenden menschlichen Begegnungen belohnt wurden.
  • Für die sehbehinderten und blinden Workshop-Teilnehmenden, die mit einer Farb- und Stilberatung Antworten auf ihre Fragen zur Kombinierbarkeit von Farbe und Stil bekommen haben. Und damit ein Stück persönliche Unabhängigkeit gewonnen haben.

In meinem nächsten Blogartikel führe ich ein Interview mit Nina-Jasmin Mangelsdorf, Mitglied der Fachgruppe „Bildung und Beruf“ Niedersachsen/Bremen des BVN. Als Mit-Initiatorin unseres Farb- und Stilworkshops für Blinde verrät sie uns, warum das Thema Farb- und Stilberatung auch – oder gerade – für blinde und sehbehinderte Menschen relevant ist und vor welchen Herausforderungen sie im Umgang mit Kleidung im Alltag stehen.

Freuen Sie sich darauf!
Nicole Dornberger

Danke liebe Nicole für den Beitrag. Es hat viel Spaß gemacht mit Dir!